Apfelbaum vermehren im Winter - Teil 1

vom 18. Feb. 2010
Apfel-Experte John Hermann Cordes zeigt die Veredelungstechnik der Kopulation
weiter im Programm ...

TEXT UND INFO ZUM FILM

Drehort:
Obstbaumschule Hermann Cordes bei Pinneberg
Länge:
6 Min.
Filmkatalog:Praxis
Moderator:
Marc Albano

Kopulation

Kopulieren ist ein altertümlicher Ausdruck für Vermählen oder Heiraten. In der Pflanzenwelt spricht man von Kopulation zweier Pflanzenteile, wenn beide a) von gleicher Stärke bzw. Dicke des Stiels sind und b) sie so zusammengefügt werden, daß sie zu einer einzigen Pflanze verwachsen.

Das Prinzip hier beim Obst ist sehr einfach: Man hat eine sgn. Unterlage, die die richtigen Wuchs- und Wurzeleigenschaften des künftigen Obstbaums bietet. Und man hat einen sgn. Edelreiser, der vom Baum der gewünschten Obstsorte stammt.

Unterlage und Reiser sollten die gleiche Stärke haben - mindestens bleistiftdick, sagt Herr Cordes.

Man schneidet beide Triebe schräg an, sodaß die Schnittfläche eine lange Ellipse wird, ca. 3-5 cm lang. Dann "paart" oder kopuliert man beide, indem man sie genau übereinander legt und mit Band (Gummi oder Bast) zusammenschnürt. Fertig.

Aus zwei separaten Teilen wird ein einziger, künftiger Baum.

Kernobst & Steinobst

Die Kopulation ist eine Technik, die man in gleicher Weise sowohl bei Äpfel und Birnen als auch bei Kirschen, Pflaumen usw. anwendet.

Der Edelreiser

Man schneidet vom gewünschten Obstbaum an einem frostfreien Tag in der zweiten Dezemberhälfte bzw. gerade vor dem Einbruch des echten, kalten Winters einige einjährige, kräftige Triebe heraus.

Die Einjährigkeit erkennt man daran, daß die Triebe noch keine weitergehende Verzweigung haben, sondern nur kerzengeraden Wuchs zeigen. Meist sind solche Triebe im oberen Drittel des Baums zu finden. Man wähle starke, gut ausgereifte (harte) Triebe.

Diese Triebe werden dann bei Cordes kühl, aber frostfrei gelagert, bis sich ein Veredelungstermin im Januar/Februar anbietet.

Zu diesem Termin wird zunächst der einzelne Trieb in kurze Stücke von jeweils 3-4 Augen geschnitten. Dabei den Schnitt immer schräg ausführen und direkt oberhalb eines Auges ansetzen (dabei schräg vom Auge wegführen).

Das ist übrigens eine Schnittart, die grundsätzlich immer beim Schnitt von Obstgehölzen angewendet wird, also auch beim jährlichen Formschnitt draußen am fertigen Baum.

Auf diese Weise schnippelt man den Trieb in kurze Stücke: die künftigen Edelreiser.

Die Unterlage

Man kann auf geeignete Unterlagen von so ziemlich jeder Größe und Form veredeln. Im kleinsten Fall ist das ein einjähriger Trieb - wie im Film zu sehen. Die Veredelung läßt sich hier auf jeder gewünschten Höhe ansetzen, entweder kurz über der Wurzel oder auch am oberen Ende eines einjährigen Bäumchens, z.B. in 1 Meter Höhe (vgl. Film zur Sommerveredelung).

Die Unterlage kann dazu auch draußen stehen und schon eingewachsen sein.

In jedem Falle sollte man sich über das komplexe Thema der Unterlagen eingehender informieren. Die Unterlage bestimmt vor allem die Größe des künftigen Baums, aber auch seine Toleranz in Bezug auf Böden und Standort, seine Langlebigkeit, die Dauer bis zum ersten Fruchtansatz und die Gesundheit.

Dazu mehr im Begleittext zum Film der Sommerveredelung.

Bemerkenswert ist die Robustheit der Obst-Unterlagen. Bei Cordes in den eigenen Kühlräumen liegen die kleinen Bäumchen und Triebe wochenlang mit offenen Wurzeln herum (ebenso die geschnittenen Reiser). Und trotzdem wachsen sie brav an, wenn sie dann schließlich im Frühjahr nach den Frösten in die Erde gesetzt werden ...

Der Kopulationsschnitt

Zum Schneiden beachte man auch die richtige Körperhaltung, wie man sie im Film sieht. Man hält Trieb und Messer waagerecht vor der Brust, zieht dann die volle Klinge des Kopuliermessers einmal durch das Holz. Danach ggf. noch ein zweites Mal.

Abschließend trennt man an der Unterlage noch ein kurzes Endstückchen oberhalb der Schnittfläche ab. (Dieses ist nämlich so dünn, daß es mit dem Reiser sowieso nicht verwachsen würde. Daher wäre es eine unnötige Brutstätte für mögliche Fäulnis.)

Das Messer muß übrigens superscharf sein, dazu gibt es die speziellen Kopuliermesser im Fachhandel. Es heißt, man solle sich damit rasieren oder die Fingernägel schneiden können, dann stimme die Schärfe. Viel Glück beim Selbstversuch!

Das Schicksal das Pullovers im Film verrät die Verläßlichkeit des Messers. (Ratsam wäre vielleicht eine schützende Schürze). Die dicken Pflaster auf den Fingern des Veredelers im Film sind übrigens Vorbeugung - und nicht Zeugnis schmerzlicher Erfahrungen.

Beachten Sie noch, daß rund um den Schnitt größte Sauberkeit herrschen sollte (vor allem, wenn man draußen veredelt). Die Triebe müssen sauber sein, das Werkzeug und die Hände ohnehin.

Am Edelreis sollte der Schnitt so angesetzt werden, daß das unterste Auge dem Schnitt gegenüber zu liegen kommt. Dieses Auge bleibt also erhalten und dient im folgenden als sgn. Zugauge. Das heißt, hier entwickelt sich im Frühjahr ein neuer Trieb und zieht damit den aufsteigenden Baumsaft in das Auge und damit über die Veredelungsstelle hinweg. Das fördert das Zusammenwachsen der beiden Teile.

Übrigens dienen alle 3-4 Augen des Reisers dann als Zugauge. Aus allen sollten sich neue Triebe entwickeln. Gemeinsam ziehen sie durstig den Saft über die Kopulationsstelle hinweg und motiveren damit kräftiges Kambiumwachstum an der Wunde.

(Text fortgesetzt beim zweiten Filmteil)

sehr nützliche und

sehr nützliche und anschauliche information

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